Reaktionen in den Medien

Ein Erlebnisbericht zur Friedhofseinweihung und einige Links zu Reaktionen von Presse und Fernsehen


Erster Lesbenfriedhof! Weltweit? ein Aprilscherz!?



„Hier der Bericht unserer Mitarbeiterin Astrid Osterland, die sich plötzlich mit der Aufgabe konfrontiert sah, der Presse zu erklären, warum ein Lesbenfriedhof wichtig ist“:

Der 1. April ist ja bekanntlich ein Tag,der für Überraschungen gut ist. Mein 1. April in diesem Jahr hatte es da wirklich in sich.
Als ich morgenmüde meinen Gang zum Briefkasten antrat kam mir Mitbewohnerin Monika schon entgegen, winkte mit einer Zeitung und rief: „Musst Du unbedingt lesen!“
Die Zeitung, deren Lektüre mir da so ans Herz gelegt wurde, war die B.Z., ein Ableger der BILD-Zeitung. Ausgerechnet! Ich und B.Z. lesen? Seit wann denn das?

„Doch, doch. Musst Du lesen! Es geht um Euch.“ Na, gut.
Die Schlagzeile auf dem Titel bestätigte es: „Erster Berliner Friedhof nur für Lesben. Sonntag Eröffnung in Prenzlauer Berg“ und oben drüber „In dieser BZ stecken 3 April-Scherze. Die Schlagzeile aber gehört nicht dazu“. Immerhin!
Das allerdings hatte offenbar niemand gelesen, denn als nun – sämtliche Berliner Tageszeitungen incl. BILD hatten diese „Sensation“ an prominenter Stelle im Blatt – die Medien auf die Suche nach Informationen gingen und bei mir landeten, war ich vor allem damit beschäftigt, den April-Scherz zu dementieren und der Realität die Wahrheit zu geben.

„Ja, es gibt ihn, den ersten Friedhof für Lesben weit und breit, genauer gesagt ein Areal von 400 qm innerhalb eines wunderschönen alten Friedhofs mitten in der Stadt.“ Immerhin hatten BILD und B.Z. korrekt berichtet und später auch das Einweihungsfest umfangreich bebildert.

Die Initiatorinnen wären wohl im Traum nicht darauf gekommen, dass ihr Projekt solche Schlagzeilen macht. National aber auch international, wie ich alsbald feststellen durfte, denn der lokalen Berichterstattung folgten die überregionalen Zeitungen, allen voran Die SÜDDEUTSCHE, Spiegel-Online, DIE WELT und andere Blätter (vgl. auch den Pressespiegel auf der Website der „sappho-stiftung.de“)
Als erste rief an jenem Morgen des 1. April Renate Rampf vom LSVD an. Wir sind ja in Berlin gut vernetzt. Ihre Botschaft, etwas genervt: „Die Presse rennt mir die Bude ein wegen Eurem Friedhof, weil sie nicht wissen, wen sie sonst fragen sollen. Die wollen alle ein Statement. Bitte übernehmt das selbst! Ab sofort verweise ich auf Dich und SAPPhO, wenn jemand anruft.“

Darauf musste ich nicht lange warten, denn von da ab ging es Schlag auf Schlag. Radio 1 machte den Anfang mit eine live-Schaltung ins Programm und konfrontierte mich mit Äußerungen von Elton John, Alt-Bundeskanzler Schmidt und Berlins Bürgermeister Wowereit, die angeblich gar nichts von einem solchen Friedhof hielten. Angeblich, wohlgemerkt. Wir ahnen: es war ja 1. April und da ist jeder Scherz erlaubt, wie der Moderator mir zum Abschluss offenbarte. Aber etwas verwirrt war ich nach diesem Entrée schon. Wer hätte gedacht, dass unser Friedhof als vermeintlicher April-Scherz in die Öffentlichkeit gerät?

Immerhin gab dies dem Ganzen noch mal mehr Aufmerksamkeit, denn in manchen Redaktionen wurde zuvor kontrovers diskutiert, welchen Wahrheitsgehalt diese Nachricht hat und ob man da mal recherchieren sollte, erzählten mir mehrere Redakteurinnen.
Offenkundig hatten sich eine Menge Redaktionen – sowohl aus dem Print-, dem Internetbereich als auch den Hörfunkstudios – für ein Recherche entschlossen und landeten auf unterschiedlichen Pfaden bei mir und Usah Zachau, u.a. weil wir die Einzigen waren, die aus der Gruppe der Aktivistinnen überhaupt erreichbar waren.
Alsbald war ich über diesen Tag hinaus damit beschäftigt, ein Interview nach dem anderen zu geben – sei es am Telefon oder bevorzugt vor Ort wg. des garantierten Vogelgezwitschers im Hintergrund und eines Fotos vom schönen Friedhofsgelände.
Es meldeten sich bekannte Medien und Redaktionen – z.B. der EPD (Evangel. Pressedienst), die TAZ, ausländische wie Le Monde, Agence Press, The Guardian, Der Standard (Wien), und unbekannte wie die Nachrichtenagentur Ruptly, The Local Wave (engl. Online-Magazin), 360 Grad (Schweizer Queer-Magazin) u.a. Leider habe ich am Anfang vor lauter Aufregung und weil alles so Schlag auf Schlag ging, gar nicht mitgeschrieben, wem ich die frohe Botschaft alles verkündet habe: „Ja, es gibt ihn, den Friedhof ausschließlich für Lesben! Nein, wir wollen uns nicht in erster Linie ab- oder ausgrenzen“.

„Inklusion“ ist ja das politische „Zauberwort der Stunde“, wenn es um die Diskriminierung Homosexueller geht, so als seien wir längst im gelobten Land der sexuellen Vielfalt, in der es keine Diskriminierung mehr gibt. Gegen dieses Gebot des Glaubens an das Gute im Menschen haben wir offenbar verstoßen, wie den Nachfragen immer wieder zu entnehmen war und das war häufig auch der Aufhänger für Kommentare, die das Niveau der Gürtellinie nicht erreichten. Liest frau die Kommentare, so repräsentieren sie offenkundig vor allem die Phantasien ihrer Schreiber als die Realität unseres Lebens und unserer Wünsche.

Beispielhaft hier die Phantasie des Kommentators der BERLINER ZEITUNG: „Am kommenden Sonntag, wenn in Prenzlauer Berg der 1. Lesbenfriedhof eröffnet wird“ so spukts im Hirn des Schreibers, „fährt die Sense von Gevatter Tod scharf zischend durch die Gesellschaft. Sie trennt die Bindungen der gleichgeschlechtlich lebenden Frauen von dem ab, was man heterodominante Gesellschaft nennt.“
Hier kann ich immerhin den Schreiber beruhigen. Der Abstand zu unserer heterodominanten friedhöflichen Nachbarschaft beträgt ein paar Meter. Insofern sind wir bestens inkludiert.

Aber, so erfahren wir im weiteren: „Berlin wird auch mit dieser Art von sozialer Differenz im Todesfall leben können, so lange es heterosexuellen Angehörigen nicht verwehrt wird, im schwul(!)lesbischen Friedhofseparée zu trauern“.
Keine Angst! können wir dem besorgten Berliner zurufen. Unser Friedhof hat keinen Zaun und wir wollen nach dem Tod, wie die meisten Menschen auch, im Kreise unserer Lieben beerdigt werden, und das sind nun mal frauenliebende Frauen, und vor allem die, mit denen wir unser Leben lang gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Lesben gekämpft haben.
In dieser Richtung bevorzugen wir eben unsere Wahlverwandtschaft statt, wie bei Heteros uns -ras üblich, die Blutsverwandtschaft und, ja, auch ich selbst möchte hier mit meiner Liebsten beerdigt werden und, nein, es war gar nicht so schwer, einen Friedhof zu finden, der unsere Idee ernst nahm und uns Heimstatt auch nach dem Tod gibt.
Und noch etwas vernahm die erstaunte Öffentlichkeit: Lesben wollen sichtbar sein. Wir wollen uns nicht (mehr) verstecken, auch über unseren Tod hinaus und deshalb gibt es auch keine anonymen Bestattungen bei uns.

Wo ist das Problem?

Die Bilanz dieses unverhofften Ausflugs in die nationale und internationale Medienwelt: die Berichterstattung war im allgemeinen fair und halbwegs richtig, wenngleich der Verein Safia und die Stiftung SAPPhO trotz all meiner Aufklärungsbemühungen ständig verwechselt wurden und ich ganz unverhofft zur „Pressesprecherin der SAPPhO-Stiftung“ ernannt wurde.

In dieser Eigenschaft hatte ich übrigens auch noch das Vergnügen, meine körperliche Fitness zu überprüfen. Als ich eines Abends mit einer Journalistin den Friedhof verlassen wollte, war er bereits geschlossen. Die Vorstellung, meine Nacht nun im Erbbegräbnis Max Müller zu verbringen, bescherte mir ungeahnte Kräfte, den hohen Friedhofszaun trotz großer Bedenken zu überklettern und dann noch die junge Kollegin rüberzuhieven, die zwar halb so jung dafür aber doppelt so schwer war. Wir haben es geschafft und waren danach per Du.

„Wat willste mehr?“, fragt die Berliner SAPPhO-Mitarbeiterin und freut sich über solche vielfältige Einsätze für die geschätzte SAPPhO-Stiftung.


Reaktionen der Presse nach der Einweihung

http://www.n-tv.de/panorama/Letzte-Ruhe-unter-Schwestern-article12608146.html

http://www.sueddeutsche.de/leben/lesbenfriedhof-in-berlin-eroeffnet-wir-reagieren-auf-die-ausgrenzung-1.1931229

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/friedhof-fuer-lesben-in-berlin-eroeffnet-a-962931.html

http://www.taz.de/!136272/

http://www.tagesspiegel.de/berlin/georgen-parochial-friedhof-in-prenzlauer-berg-berlin-bekommt-einen-lesbenfriedhof/9702948.html

http://dradiowissen.de/beitrag/lesbenfriedhof-in-berlin-er%C3%B6ffnet-ein-friedhof-f%C3%BCr-lesben


Weitere Reaktionen der Presse

http://www.evangelisch.de/inhalte/127979/20-11-2015/beerdigungen-gemeinschaftsgraebern-berlin


Kontakt:
Usah Zachau
+49 (0)163-139 29 82 (mobil, mailbox)
E-Mail: usahzachau@hotmail.com

Astrid Osterland
+49 (0)30-240 350 83,
osterland_a@yahoo.de

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