Interview mit Heide Stoll

mit Ute Greiling im Jahr 2005

Was hat Dich zur SAPPhO-Stiftung geführt?

Die Frage, wie Vermögenswerte, z.B. Land und Immobilienbesitz verlässlich für unsere Frauenprojekte erhalten werden können, um damit den finanziellen Grundstock zur Realisierung und Sicherung feministischer Ziele zu gewährleisten, hat mich seit den siebziger Jahren beschäftigt. Damals sind viele der noch heute existierenden Projekte entstanden. Ich war begeistert über Zielsetzung und Erfolg vieler feministisch orientierter Frauenprojekte und –betriebe und überrascht, welche finanziellen Werte in verhältnismäßig kurzer Zeit erarbeitet wurden. Die meisten der Projekte haben bei ihrer Gründung die Vereinsstruktur gewählt, aus steuerlichen  Erwägungen, Haftungsgründen und der Vorstellung, dass eine Vereinsstruktur günstig für die sozialen und kollektiven Bestrebungen sein würde. Als dann Anfang der neunziger Jahre der Frauensportverein in Köln in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und später Insolvenz anmelden musste, war das für mich wie ein Schock. Ich realisierte plötzlich, dass  Werte, so sie im Vereinsbesitz bleiben, wie andere Firmen auch dem wirtschaftlichen Wechselspiel unterworfen sind und sich Vereine deshalb langfristig kaum für eine finanzielle Sicherung feministischer Ideen, wie ich sie mir vorstellte, eignen.
In dieser Situation sprach mich Wienke auf einem Gesamttreffen in Charlottenberg an. Wienke beschäftigte sich zu dieser Zeit bereits länger mit der Idee des gemeinsamen Wohnens im Alter. Ihr schwebte ein ähnliches Projekt mit gemeinschaftlichem Eigentum wie in Wüstenbirkach vor, allerdings als Stadtprojekt. Sie hatte sich bereits über Genossenschaften und Stiftungen, die geeigneter sind Vermögenswerte zu sichern, informiert und wollte eine bevorstehende Erbschaft als Grundstock einbringen.
Ich war wie elektrisiert. Auch wenn mein Anliegen nicht unbedingt Wohnprojekte waren, sah ich doch durch Gründung z.B. einer Stiftung ganz viele Möglichkeiten, mich mit meinen Vorstellungen dort anzusiedeln. Und  mir schien Wienke mit ihrem politischen und feministischen Hintergrund die ideale Partnerin, ein Projekt zur Sicherung von Vermögen für lesbisch- feministische Anliegen zu gründen.

Wie findest Du die Regelung, 6 Jahre verbindlich in der Stiftung mitzuarbeiten?

Meine Arbeitserfahrung in Frauenprojekten und auch in der Sapphostiftung zeigt, dass Kontinuität eine wichtige Voraussetzung für intensive Denk-, Lern- und Arbeitsprozesse ist. Jede von uns hat bei aller Kompetenz Stärken und Schwächen, darum zu wissen und konstruktiv damit umzugehen ist eine gewachsene Qualität der Stiftungsgruppe.

Wo liegen Deine Stärken? Was bringst Du in die Stiftung ein?

Meine Stärke, glaube ich, ist meine Begeisterung für unsere lesbisch/feministischen Ziele und mein unbeirrbarer Wille, sie zu realisieren. Vermutlich empfinde ich mich deshalb oft als „Zugpferd“ unserer Stiftungsgruppe. Ansonsten liebe ich es, gemeinsam mit den Stiftungsfrauen Ideen zu entwickeln und sie erfolgs- bzw. unternehmerischorientiert umzusetzen.

Wie sieht Deine Vision der SAPPhO-Stiftung aus?

In der Satzung sind die kühnen Ziele der Sapphostiftung zum Wohle für uns Lesben formuliert, sie gehen weit über die Unterstützung von Wohnprojekten hinaus. Die finanzielle Grundlage zur Realisierung dieser Ziele zu schaffen und damit noch viel mehr Lesben zu ermutigen, ihre Träume für eine starke autonome Lesbenkultur in die Welt zu bringen – das ist meine Vision.

Was hat sich davon bereits verwirklicht?

Vier Wohnprojekte sind bereits ganz oder zum Teil „Stiftungseigentum“. Die Stiftungsgruppe ist in gutem Kontakt mit den Bewohnerinnen der Projekte. Ich bin voller Bewunderung für alle Frauen, die diese Projekte beleben. Miteinander zu leben, sich im Alltag immer wieder zu begegnen und Konflikte zu lösen erfordert Mut und die Bereitschaft, sich immer wieder einzulassen. Nicht nur die Bewohnerinnen, auch wir von der Stiftungsgruppe lernen dabei ganz viel.
Mit der Zustiftung des Frauenlandhauses Charlottenberg wurde ein Wirtschaftsbetrieb Stiftungseigentum. Das Frauenlandhaus ist verpachtet, mit den  Pachteinnahmen hat die Stiftung erstmalig regelmäßige Einnahmen, um ihre satzungsmäßigen Zwecke „an zu visieren“.

Was wünschst Du Dir am meisten für den Werdegang der Stiftung?

Die Stiftung ist „auf den Weg gebracht“ worden und genau mit den selbstbewussten Zielen, welche die Gründungsfrauen formuliert haben, wurde sie auch genehmigt. Jetzt braucht es meines Erachtens nur noch etwas Zeit bis mehr und mehr Lesben erkennen welcher Schatz da auf den Weg gebracht wurde. Ein Schatz der unterstützenswert ist, aber auch zunehmend mehr unterstützen wird – und zwar Lesben und frauenliebendes Leben im weitesten Sinn.
Woran es der Stiftung z.Z. noch mangelt, sind „flüssige“ Finanzmittel. Damit könnte die Stiftung z.B. Arbeitsplätze schaffen, es könnten Fortbildungen organisiert werden für Vorstandsfrauen und Mitarbeiterinnen – letztlich könnte die Stiftung damit endlich auf das Fundament gestellt werden welches ihr angemessen ist.
Und kompetente Lesben wünsche ich mir, die schon jetzt, während die Stiftungsarbeit noch vorwiegend ehrenamtlich geleistet wird, ihre Fähigkeiten einbringen und mitarbeiten. Und dass dann, wenn die Stiftung in der Lage sein wird, bezahlte Stellen einzurichten, fähige Lesben die Geschicke der Stiftung lenken, daran habe ich keinen Zweifel.

Was denkst Du? Worin können die Safia-Frauen der Stiftung SAPPhO eine Unterstützung sein?

Die Sapphostiftung ist eine Tochter von Safia, Trägerin vieler Wünsche und Ideen, die auf den Gesamttreffen formuliert wurden. In Safia hat Sappho ihre Wurzeln, auch wenn die Ziele der Stiftung weitergefasst sind als die Ziele des Vereins Safia. Wir alle können stolz sein auf diese Stiftung, die erste Stiftung für Lesben in Europa! Wunderbar wäre es, wenn sich noch viel mehr Safias für die Stiftung interessieren, neugierig sind……., nachfragen………, uns Rückmeldungen geben und die Stiftung damit energetisch unterstützen. Und wenn die Stiftung in Testamenten bedacht wird – das wäre ein weiterer wichtiger Schritt. Ich selbst freue mich sehr auf die Zeit, wenn die Stiftung in noch viel größerem Ausmaß lesbische Ideen und Projekte unterstützen kann – und ganz besonders, wenn es auch Safiafrauen sind, die da „spinnen“ und „weben“.

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