Interview mit Wienke Zitzlaff

Was hat Dich zur SAPPhO-Stiftung geführt?

wienkeMeine Geschichte ist lang: Nach langen Überlegungen, die ich gleich beschreiben will, kam ich mit anderen Lesben zu dem Ergebnis, dass es sinnvoll ist eine Stiftung zu gründen, in der auch andere Lesben ihrem Traum von gemeinsamem Eigentum verwirklichen können. Meine Idee/mein Traum ist, dass die Feministinnen/Lesben, die viel Geld haben, sich mit denen zusammentun, die wenig haben – und gemeinsam verantwortlich ein Projekt gründen und verwalten. Damit nicht eine allein davon profitiert, dass andere z.B. an ihrem Haus mitarbeiten, soll die Stiftung zwischengeschaltet werden: Die Stiftung wird Eigentümerin – die Bewohnerinnen sind autonome Verwalterinnen – in unserem Projekt in Hannover haben wir einen Verein gegründet: Lesben hausen Hannover e.V. Dieser Verein übernimmt die  juristische Verantwortung für alle Belange des Projektes.

Meine Grundgedanken sind: Gemeinsames Eigentum, das gemeinsam – und bitte nicht zentralistisch – verantwortlich verwaltet und erhalten wird. So habe ich mir Kommunismus, Sozialismus vorgestellt – und den Traum gebe ich noch nicht auf.

Ich bin in Jena in Thüringen aufgewachsen. Die Bevölkerung Jenas, die Stadt Jena, lebte von der Carl Zeiss Stiftung. Carl Zeiss war der Optiker, der Linsenschleifer, Ernst Abbe der Wissenschaftler. Sie arbeiteten zusammen und schufen Stück für Stück aus dem einfachen Handwerksbetrieb eine Riesenfirma. Gemeinsam gründeten sie Ende des 19. Jahrhunderts aus der gemeinsamen Fabrik eine Stiftung. Der Arbeitsplatz war sicher, der Achtstundentag wurde eingeführt, alle – Arbeiter und Fachleute – wurden am Gewinn beteiligt. Jena hatte ein Volkshaus für Veranstaltungen, eine große Volksbibliothek, ein Volksbad und noch mehr – alles finanziert von der Carl Zeiss Stiftung. Alle Jenenser sagten: Das ist unseres, das haben wir erarbeitet. Und, so meine kindliche Erinnerung, sie achteten darauf, dass alles gepflegt wurde. In meinem kindlichen Erleben gab es da keinen Unterschied zwischen einem einfachen Arbeiter und einem Ingenieur. Meine sozialdemokratische Mutter hob hervor, dass diese Stiftung auf Wunsch von Ernst Abbe nach dem Handwerker Carl Zeiss benannt wurde und nicht nach ihm.

Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt. Später – Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts – erwarb ich ein kleines Häuschen mit 60 qm Wohnfläche, einem Ziegenstall und 1.250 qm Land in einer Arbeitersiedlung: Alle Häuschen waren gleich, die Bewohner hatten sie selbst gebaut, sich gegenseitig geholfen. Die Männer arbeiteten in der Fabrik, ihr Lohn wurde gebraucht, um Land und Baumaterial zu finanzieren die Frauen bestellten das Land, erwirtschafteten Gemüse, buken Brot, sorgten für die Kinder und für die Ziegen. Ihr Stolz: wir wohnen unabhängig vom Fabrikherren. Hier habe ich erlebt, was gegenseitige Nachbarschaftshilfe ist.

All die verschiedenen Modelle – und noch mehr – habe ich mir gründlich  angeschaut.

Dann machte ich eine Erbschaft – das habe ich an anderer Stelle genauer beschrieben1. Jedenfalls beschloss ich, diese Erbschaft in die Gründung der Stiftung zu investieren. Ich war mit dem Erblasser unzureichend verwandt und musste lausig Steuern zahlen. Hätte es die Stiftung schon gegeben…

Wie findest Du die Regelung, 6 Jahre verbindlich in der Stiftung mitzuarbeiten?

Ich finde das sehr gut: Jede, die zu uns kommt, braucht erst eine Einarbeitungszeit – je länger eine dabei ist, desto leichter und kompetenter werden die Entscheidungen. Wenn eine dennoch früher gehen will, lassen wir sie…

Wo liegen Deine Stärken? Was bringst Du in die Stiftung ein?

Es ist schwierig über die eigenen Stärken zu reden – auch fühle ich zuweilen, dass sie gar nicht reichen.

Vom Geld – von der Erbschaft – sprach ich schon.  Ich kaufte 1993 ein Jugendstilhaus hier in Hannover-Linden (Linden ist eine alte Arbeiterstadt) mit fünf unterschiedlich großen Wohnungen. Bei den Grauen Panthern hatte ich gelernt: „Wenn Sie ein Objekt haben, nehmen sie es, BewohnerInnen finden sie immer.“ Drei Wohnungen konnte ich mit meiner Erbschaft und der Bank finanzieren. Woher das weitere Geld nehmen, wusste ich nicht – ich sicherte vertraglich, dass ich zwei Jahre Zeit hatte. Der Vorbesitzer kam mir entgegen: Er hatte einen ähnlichen Traum und freute sich, dass ich es wieder versuchen wollte.

Da halfen mir die Safia-Schwestern: eine kaufte eine Wohnung, andere gaben mir Kredite, einige kamen zum Umbau und zum Renovieren, ja sogar zum Putzen.

Inzwischen werden alle Wohnungen von Lesben bewohnt – ich genieße das Leben hier z.Z. in vollen Zügen (alle Mitbewohnerinnen sind jünger als ich, aber das ist auch spannend.)

Bittere Konflikte hatten wir auch hier – ich habe mir/wir haben uns immer Hilfe von den SAPPhO Schwestern oder auch von einigen Safia Schwestern holen können.

Wie sieht Deine Vision der SAPPhO-Stiftung aus?

Nun, so dolle bin ich nicht mehr mit neuen Visionen – ich genieße mehr, was bis jetzt gemeinsam erreicht wurde und wünsche mir, dass die Idee auch bei anderen zündet, dass es mehr Stifterinnen gibt – und Bewohnerinnen, die Lust haben, ein Projekt zu gestalten.

Was hat sich davon bereits verwirklicht?

Ich denke, das habe ich oben beschrieben.

Was wünschst Du Dir am meisten für den Werdegang der Stiftung?

Ich wünsche mir, dass die Stiftung reicher, die Stiftungsarbeit professionalisiert wird. Seit 1993 arbeiten wir alle ehrenamtlich – ich wünsche mir, dass die zu leistende Arbeit bezahlt wird und die entstehenden Unkosten erstattet werden.

Was denkst Du? Worin können die Safia-Frauen der Stiftung SAPPhO eine Unterstützung sein?

Ich sagte ja schon, dass viele sehr hilfreich gewesen sind. Meines Erachtens sind die Safias die, die die Projekte beleben sollten. Aufgabe der Stiftung ist es, die Finanzierung zu unterstützen.

 

1Wienke Zitzlaff, Birgit Aron SAPPhO – ein Lesbenwohnprojekt in der Großstadt Ihrsinn 17/1998

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