Wienke ist gestorben

Wienke Zitzlaff, die Initiatorin und Mitgründerin der SAPPhO-Frauenwohnstiftung ist am 04.03.2017 gestorben.wienke

Wir trauern sehr um sie.

Wir werden sie sehr vermissen und sind sehr traurig, dass sie mit uns nicht mehr das Erreichte feiern kann.
Wir sind jedoch sicher, dass ihre Visionen und die SAPPhO Frauenwohnstiftung durch uns und viele andere weiterleben werden.

Die SAPPhO Frauen
Gisela, Ruth, Ute, Esche, Hila, Astrid, Renate, Sibylle und Mubina

 

Zu einem Abschiednehmen wird von den Frauen aus La Rosa/internationaler Frauentreff und dem kargah-Team eingeladen:

Liebe Freundinnen und Freunde von Wienke,
am 09.04.2017 wollen wir in Hannover Abschied von Wienke (10.07.1931 – 04.03.2017) nehmen und uns gemeinsam erinnern. Wir laden alle herzlich dazu ein, die sich mit Wienke verbunden fühlen. Wir wollen Wienke danken für ihre kluge und verlässliche Freundinnenschaft, die sie uns so viele Jahre geschenkt hat, für ihre Klarsicht, ihr politisches Denken und Handeln, ihre konsequent antirassistische, antikapitalistische und lesbisch-feministische Haltung und auch für ihre Ecken und Kanten.
Wienke, wir vermissen Dich sehr und werden Deine Überzeugungen, Projekte und Ideen und unsere gemeinsamen Visionen weiter leben und entwickeln, Du fehlst!
In tiefer Verbundenheit, Deine Frauen aus La Rosa/internationaler Frauentreff und das kargah-Team
Wir treffen uns am

Sonntag, den 09.04. um 12 Uhr im kargah
Zur Bettfedernfabrik 1, 30451 Hannover

Im Anschluss (ca. 15/16 Uhr) werden wir gemeinsam mit allen die wollen, Wienkes Grabstelle aufsuchen. Die Urnenbeisetzung hat zuvor im engsten Angehörigenkreis stattgefunden.
Bitte gebt die Einladung an alldiejenigen weiter, von denen ihr meint, dass sie gerne bei Wienkes Abschied dabei wären. Gebt bitte eine kurze Rückmeldung mit wie vielen Personen ihr kommt und ob ihr eine Erinnerung an und für Wienke beitragen wollt unter:        wienke@kargah.de

Nachruf für Wienke

von Astrid Osterland

Wienke Zitzlaff ist nicht mehr unter uns. Am 4. März 2017 ist sie im Alter von 85 Jahren von uns gegangen. Sie, nicht aber ihre Ideen und Visionen. Denn die hat sie mit uns, den Mitarbeiterinnen der SAPPhO-Stiftung, lebendig erhalten. Wir werden in diesem Sinne ihr ideelles und materielles Vermächtnis bewahren und weiter entwickeln.

Ihr Leben war geprägt von der Tatsache, dass sie die Schwester von Ulrike Meinhof war. Solidarisch bis zum Tod der Jüngeren, ging sie gleichwohl bewusst einen anderen Weg, um das zu verwirklichen, was ihnen beiden wichtig war: eine (geschlechter)gerechte, solidarische Welt über alle nationalen, sexuellen, ökonomischen, Alters- und sonstigen Grenzen hinweg. Eine Welt, in der nicht zählt, was eine hat oder woher  sie kommt, sondern wer sie ist, wofür sie sich einsetzt. Wienkes Haltung war zutiefst antikapitalistisch, antifaschistisch, antimilitaristisch und ganz und gar lesbisch-feministisch. Das alles gehörte für sie selbstverständlich zusammen. Und so lebte sie auch. Eingebunden in das Netzwerk ihrer politischen Freundinnen, zu denen auch wir, die Frauen der SAPPhO-Stiftung zählten.

Sie mischte sich ein und erprobte ihre Vision von einem solidarischen Lebenszusammenhang  in ihrem eigenen Wohnprojekt „Lesben hausen e.V.“.  „e.V!“ wohlgemerkt. Denn darauf kam es ihr an. Sie wollte ihren Traum  von gemeinschaftlichem Eigentum in Lesbenhand verwirklichen und ihren Vorsatz, „die Häuser denen in die Hände zu geben, die darin wohnen“ gleich dazu.  Was sie einbrachte war das Haus, ihr Eigentum. Was sie daraus machte, war ein Verein aller Bewohnerinnen, die dieses Eigentum gemeinschaftlich bewohnen und verwalten. Basisdemokratie und gemeinsame Verantwortung  für das, was ein solches Haus möglich macht: miteinander, nicht nebeneinander leben und altwerden und sich gegenseitig zu unterstützen, wenn es eng wird und frau alleine nicht zurechtkommt.

Dazu Wienke Originalton: „Meine Grundgedanken sind: Gemeinsames Eigentum, das gemeinsam – und bitte nicht zentralistisch – verantwortlich verwaltet und erhalten wird. So habe ich mir Kommunismus, Sozialismus vorgestellt – und den Traum gebe ich  nicht auf“. Dieses Versprechen hat sie bis an ihr Lebensende gehalten und ist mit ihren Wohnfreundinnen im gemeinsamen Haus alt geworden.

Als Linke ging es ihr darum, die Macht des Eigentums zu brechen und das hieß für sie: Vergemeinschaftung des Eigentums. Als Lesbe ging es ihr darum, eine gemeinschaftliche Lebensform jenseits von Ehe und Familie zu verwirklichen.
In den 50er Jahren groß geworden, erfuhr Wienke den gesellschaftlichen Druck zur Ehe mit all den Abhängigkeiten, die das für Frauen bedeutete. Um Kinder zu bekommen, heiratete sie zwar, wohl wissend, dass dies damals unbedingte Voraussetzung für die Mutterschaft war.  Sie wollte und bekam zwei Töchter und arbeitete sich langsam aus „der Forderung, eine männerorientierte Frau zu sein, heraus“. Genauer gesagt: sie ging viel weiter und lebte ihre Liebe, Freundschaft und Solidarität mit Frauen.

„Für mich ist lesbisch leben eine Lebensform“ und damit viel mehr als eine „sexuelle Orientierung“, denn wir haben uns „dem Zwang zur Ehe entzogen“, weil wir selbstbestimmt und unabhängig von einem „Ernährer“ leben wollen“. So das selbstbestimmte Credo von Wienke, das ihrem Leben  Richtung gab, als berufstätige Frau mit zwei Kindern unabhängig von einem Mann zu leben.

Im Verein SAFIA, Lesben gestalten ihr Alter fand sie ihre „lesbische Heimat“ und Freundinnen, die sie lebenslang begleiteten. Wienke zählte auf die Wahlverwandtschaft, nicht die Blutsverwandtschaft. Sie suchte die Solidargemeinschaft mit Frauen, nicht die Versorgungsgemeinschaft mit einem Mann.

Wienke wusste nicht nur, was sie wollte, sondern sie wusste auch, wie konkret umzusetzen ist, was ihr vorschwebte. Und als eines Tages die Frage aufkam: wie können wir unsere Häuser, die wir gemeinschaftlich bewohnen und das Vermögen, das wir uns erarbeitet haben, über die Generationen hinweg für Lesben erhalten, gründete sie mit ihren SAFIA-Schwestern….na, was denn sonst? … eine Stiftung, benannt nach der Dichterin SAPPhO, die wie kaum eine andere dafür steht, was Frauen einander sein und erreichen können, wenn sie füreinander da sind.

Als alte Linke dachte sie in ihren Wünschen nicht  nur an sich selbst sondern darüber hinaus. „Meine Idee ist, dass die Feministinnen/Lesben, die viel Geld haben, sich mit denen zusammentun, die wenig haben und gemeinsam verantwortlich ein Wohnprojekt gründen und verwalten. Damit nicht eine allein davon profitiert, dass andere z.B. an ihrem Haus mitarbeiten, soll eine Stiftung zwischengeschaltet werden: Eine Stiftung wird Eigentümerin des Hauses und  die Bewohnerinnen sind autonome Verwalterinnen“. Dafür braucht es einen Verein, der die Verantwortung für alle Belange des gemeinschaftlichen Projektes übernimmt. Die Stiftung als organisatorischer Boden für solidarisch-lesbische Lebensformen über die Generationengrenzen hinweg. Das war ihr Traum, oder genauer einer ihrer vielen Träume von einer besseren Welt.

Die SAPPhO-Frauenwohnstiftung ist der Beitrag von Wienke und ihren Mitstreiterinnen für die Erhaltung von Lebensräumen und Orten der Kommunikation, die Lesben ein diskriminierungsfreies Zusammensein gerade auch im Alter ermöglichen.

In diesem Geiste haben wir mit Dir, liebe Wienke, viele Jahre zusammengearbeitet, zum Wohle der Stiftung und im Sinne der Lesben, die uns ihre Vermögenswerte anvertraut haben, um sie in den Kreislauf der Solidargemeinschaft zurück zu geben.

Das waren bewegende und bewegte Jahre, die Du mit Deinem steten Einsatz für die Ziele der Stiftung, Deinem geradlinigen Denken und Handeln und Deiner lesbischen Solidarität mit uns gearbeitet und gestaltet hast. Wir werden Dich sehr vermissen.

Dein Traum ist auch unser Traum und wir werden weiter daran arbeiten, ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Das versprechen wir Dir

Deine SAPPhO-Schwestern
Astrid, Esche, Gisela, Hila, Mubina, Renate, Ruth, Ute

Hier noch einige Links zu Wienke:

In diesem Interview aus 2007 sagt Wienke etwas über sich und die Stiftung

http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/wienkezitzlaff100.html

Es gibt einen Film über Wienke:

anders leben – Lesben im Alter

Der Film anders leben – Lesben im Alter portraitiert drei alte Lesben: Wienke, die ehemalige Sonderschul-Rektorin und politische Aktivistin, Hannelore, die frühere Leistungssportlerin, und Christel, die Besitzerin einer der ersten Lesbenkneipen im Nachkriegs-Berlin.

Ein Film über drei selbstbewusste, unkonventionelle Frauen. Ein Film übers „Normal-“ und „Anderssein“, über Verdrängung und Befreiung. Nicht zuletzt auch: Eine Hommage ans Älterwerden.

Deutschland 2005, 60 Min.
Regie, Schnitt: Isabel Rodde
Kamera: Alexandra Czok, Beate Middeke, Andreas Buhr, Isabel Rodde
Produktion: medien konkret, Büro für Kultur- und Medienprojekte, Hannover

Ein Kommentar

  • Liebe Frauen,
    ich habe Wienke so um 1995 kennen gelernt. Eine immer tatkräftige und hochengagierte Frau.
    Wiener hat mich in ihrer beeindruckenden ruhigen aktiven Art begeistert.
    Herzlichst Heike

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